Eine meiner liebsten Runden ist die über den Feldberg. Sie führt fast verkehrsfrei durchs Zastler Tal hoch zum Rinken, an sonnigen Herbsttagen wie dem gestrigen durch rotgoldene Laubwälder. Nach etlichen Kehren verlasse ich die steil ansteigende asphaltierte Straße, um den Forstweg zur Zastler Hütte zu nehmen. Nicht selten tönt hier, sobald man über die Kuppe kommt, zur Unterhaltung der Gäste Volksmusik aus den Lautsprechern, weswegen ich mich an diesem Ort nie lange aufhalte, sondern gleich den grob geschotterten Weg zur Wilhelmer Hütte einschlage. Gestern allerdings konnte ich an dieser Stelle verschnaufen, da niemand draußen saß. Auch die Zastler Hütte ist, wie alle anderen Gaststätten, ein Opfer des November-Lockdowns. Absolute Stille.

Die Wilhelmer Hütte – dicht unter dem Feldberggipfel – lag ebenfalls da wie ausgestorben. Weit und breit nichts zu sehen von diesen fröhlichen Bedienungen in ihren knallgrünen Poloshirts. Es wirkte etwas befremdlich auf mich.

Ich wünschte, es gäbe ein Richtig oder Falsch. So aber schwanke ich in meiner Haltung zum neuerlichen Stillstand des öffentlichen Lebens wie mein armes Rad, wenn ich im Wiegetritt am Lenker hin und her reiße. Es gibt viele zur Untätigkeit verdammte Menschen, denen das Wasser bist zum Hals steht. Doch sind unter ihnen sicher manche, die endlich ihre Räder wieder aus dem Keller geholt haben, jetzt, wo das Hamsterrad zum Stoppen gekommen ist. In den ersten Wochen des Lockdowns im Frühjahr konnte ich es kaum fassen, als manche Straßen plötzlich nahezu autofrei und die Radfahrer mit einem Mal in der Mehrheit waren. Umweltverbände beißen sich seit Jahren für eine solche Vision die Zähne aus. Und wir konnten sehen: es ist möglich.

Neben der Hütte beginnt der Pfad zum Gipfel, der mich stets nötigt, meinen Crosser zu schultern, um die hohen Stufen leichter nehmen zu können und zu vermeiden, dass ich mir auf dem schmalen Geläuf das Pedal gegen das Schienbein ramme. Mit jedem Schritt nahm das Gewicht des Rades auf meiner Schulter zu, je länger es ging, umso ungeduldiger wurde ich und umso eiliger ging ich. Man hätte einen Teil des Weges auch fahren können, aber ich ließ es bleiben, weil es untersagt ist, aber mehr noch, weil ich die empfindsame Flora des Feldbergs nicht ohne Not strapazieren möchte. Schließlich war ich oben, und erleichtert ließ ich das Rad von meiner Schulter plumpsen.

Es gibt Herbsttage, an denen die Luft so klar ist, dass man vom Osten bis tief in den Westen das Schimmern der Alpen sehen kann, als wären sie nur eine Radstunde entfernt. Gestern war so ein Tag. Als die Last von mir abgefallen war, übermannte mich beim Anblick der vielfachen Hügelketten und den dazwischenliegenden Nebeltälern eine herrliche Leichtigkeit. Die Sonne stand nicht mehr allzu weit über dem Horizont, aber für einen Novembertag schien sie kraftvoll und alles andere war mir in diesem Moment ziemlich egal.

Auf dem Rückweg bemerkte ich auf einer Wiese eine Freundin, allein und vertieft ins Spiel mit ihrem Hund. Seit Wochen reden wir nicht mehr miteinander. Sie ist überzeugt davon, dass Corona nicht schlimmer ist als eine Grippe und alle damit einhergehenden Einschränkungen von langer Hand vorbereitet sind. In ihren Augen wurde die Sache aufgebauscht durch ein Komplott von böswilligen Mächten. Sie trägt grundsätzlich keine Maske und geht – samt ihrem Hund, wie ich vermute – Seite an Seite mit Alt- und Neonazis demonstrieren. Auch gestern redeten wir nicht miteinander. Ich flog mit Rückenwind über den Schotter und kurz kam mir der Wunsch, meine halbwegs gute Laune mit ihr zu teilen, indem ich ihr winke oder gar zu ihr hinfahre. Ich unterließ es. Mein Fahrrad hielt Kurs und sie schien im Einklang mit sich und ihrem Hund, der mir vor Längerem aus nicht nachvollziehbaren Gründen unter wütendem Gejaule ans Leder wollte und dem ich seither misstraue. Jetzt habe ich überdies begonnen, an seiner politischen Gesinnung zu zweifeln.

Die Tage werden sehr schnell kürzer in diesen Wochen, die Gespräche hitziger, die Fronten härter und die Luft für die vielen, die es trifft, knapper. Und auch der Rest kommt allmählich auf dem Zahnfleisch daher. Es heißt, um die Plätze in den Intensivstationen sei es nicht gut bestellt. Jedenfalls ist es beruhigend zu wissen, dass wenigstens am Feldberg immer ein paar Plätze frei sind für Leute, die Bedarf haben an einem Ausweg aus der Misere. Sie tragen weder Masken im Gesicht noch Plakate um den Hals und schon gar keine Aluhüte unter dem Helm, aber gelegentlich ein Rad auf der Schulter. Sie blinzeln in die Sonne und trotzen der Tristesse des Lebens, auch wenn sich mancher auf dem Weg hinunter zum Stübenwasen im Übermut schon die Knochen gebrochen hat. Bis vor Kurzem hätten man diesen Umstand noch mit einem saloppen No risk, no fun quittiert. Das jedoch will nicht so recht in diese Zeit passen, auch wenn die Freundin da zu einer anderen Einschätzung gelangen könnte und bis auf Weiteres lieber ihr Hochrisikotier krault als sich eine Maske aufzusetzen. Ihr würde ich ein vorsichtiges Freiheit ist, was man draus macht entgegenhalten, nur um nicht ganz ohne Worte dazustehen. Im Grunde, wenn man beginnt, darüber nachzudenken, eine ganz brauchbare These. Man könnte sie eigentlich aufs Oberrohr fräsen lassen.

November 2020