Paris-Brest-Paris 2019

Rambouillet, Kilometer 0, Sonntag, 16:04 Uhr. Rambouillet ist eine Kleinstadt südwestlich von Paris und strahlt mit seinen gepflasterten Gassen, Kneipen und Restaurants eine gewisse Nestwärme aus. An den Hausfassaden lehnen Hunderte von Räder, an denen Lichter befestigt sind und Taschen, mal vorne, mal hinten oder beides. Es sind die Räder der Randonneure, die hier in Kürze aufbrechen werden, weil sie prüfen wollen, ob es stimmt, dass man mit dem Rad in weniger als vier Tagen von Rambouillet nach Brest und zurück fahren kann. Vielleicht sind sie die Strecke schon einmal gefahren oder auch mehrfach, aber noch immer können sie nicht ganz fassen, dass es wirklich machbar ist. Und auch wenn sie diesmal wieder zurückkehren sollten, werden sie bestimmt daran zweifeln, dass alles mit rechten Dingen zugegangen ist, und in vier Jahren erneut prüfen müssen, ob sie sich nicht getäuscht haben. Die Sonne, die das alles zu kennen scheint, lächelt milde auf uns nieder.

Start in Rambouillet

Mit pochendem Herzen stehe ich als Nummer A232 mit 250 anderen Aspiranten im ersten von vierundzwanzig Startblocks und mir ist nicht nach Lächeln zumute – ich habe in dieser Gruppe nichts verloren. Hier befinden sich vorwiegend diejenigen Radfahrer, die mit übernatürlichen Kräften ausgestattet sind und die Strecke von Paris nach Brest und zurück besinnungslos durchhämmern. Es sind Menschen, um die man besser einen großen Bogen macht. Ich hingegen habe mich während der Anmeldung für dieses Ereignis bei der Wahl der Startgruppe schlicht vertan.

In meinen Phantasien sehe ich, wie ich zwischen diesen Berserkern zermalmt werde, weiß ich doch nur zu gut, dass man anfangs ebenso besinnungslos mittritt. Diejenigen, denen ich mich anvertraue, schwärmen: Super! Da kommen ständig neue Gruppen nach. Vielleicht haben sie recht, aber ich wollte eigentlich etwas anderes hören.

Schlag 16 Uhr ist der Countdown durch und vor mir klicken die Schuhe in die Pedale: es hört sich hart an und gefährlich. Mir läuft es kalt über den Rücken, während  auch die Fahrer rund um mich herum plötzlich munter werden, und gemeinsam setzen wir uns in Bewegung, Rad an Rad, mitten durchs endlos scheinende Spalier der Zuschauer hindurch bahnen wir uns den Weg, und von allen Seiten stürmt Applaus ein auf diesen Tross, der allmählich auf Touren kommt, und mein schwaches Gemüt rät mir zur Zurückhaltung, während sich die Drehzahl weiter steigert, und natürlich lasse ich nicht abreißen, jetzt noch nicht, und irgendwo in der Mitte des riesigen Feldes suche ich Schutz und komme mir vor, wie ein Vogel, der aus dem Nest gefallen ist.

unterwegs nach WestenAlles wirbelt durcheinander, die Wälder fliegen vorbei, ebenso die Dörfer, die von Mal zu Mal ländlicher werden, und Zuschauer stehen vor den Häusern und ihr Rufen benebelt mich und schiebt mich voran, hinein in dieses unberechenbare Abenteuer, das mir irgendwie überflüssig und unheimlich erscheint, auch wenn ich es schon viermal hinter mich gebracht habe, aber das war bestimmt Glück, und dieses Mal, das lasse ich mir nicht ausreden, werde ich nicht so viel Glück haben, das Glück ist ja bekanntlich mit den Tüchtigen, und allein schon deswegen wünschte ich, ich wäre schön zuhause geblieben und hätte die Küchenwände neu gestrichen.

Ich trete, was das Zeug hält, 35 km/h zeigt der Tacho, auch mal 40, und es fühlt sich an, als schwebte ich übers Land, das ist ja das Verrückte. Es reißt einmal mehr eine Lücke auf und ich könnte mich zurückfallen lassen, aber ich lasse mich nicht zurückfallen. Im Kopf ist es verdächtig still geworden, als wären die Sicherungen durchgebrannt. Dann stürzt wieder irgendwo jemand, Stimmen überschlagen sich, Bremsen kreischen, das Feld jagt vorbei und ich erhasche noch einen kurzen Blick auf den Kandidaten, der von Zuschauern umringt eben wieder sich selbst und sein Rad aufrichtet, um die Schäden zu inspizieren. Und merkwürdigerweise halte ich es für ziemlich normal, dass ich zu denjenigen gehöre, die unversehrt davonkommen.

unterwegs nach WestenEndlich sehe ich die Vordersten auf einer langen, ansteigenden Geraden entschwinden und die Nachfolgenden sich vergeblich um Anschluss bemühen und in diesem Moment fällt mit ein Stein vom Herzen. Es ist, als ob das Röhren dieser gigantischen Maschine verstummt wäre, als ob sich eine Art Frieden über die Landstraße nach Westen legte, auch wenn der Wind von vorn bläst. Ich finde mich wieder in einer Gruppe von Nachzüglern, die nun in absurd langsamen Tempo in die Spätnachmittagssonne hineinpedalieren – so, als wäre die anfängliche Raserei nichts als ein großer Irrtum gewesen, ein Versehen, das es nun zu korrigieren gilt, auch wenn wir in diesem Tempo vielleicht niemals ankommen werden.

Mortagne, Kilometer 116, Sonntag, 19:55 Uhr. Zum ersten Mal seit dem Start setze ich meinen Fuß auf den Boden und befinde mich inmitten des Gerangels um die Zapfstellen für die Trinkflaschen. Wie ambitioniert diese Leute sind und wie tüchtig. Man könnte Zeit verlieren und die Gruppe verpassen, mit der man eben noch keuchend die Anstiege hoch zur Kontrolle gemeistert hat. Bestimmt werden sie das Glück auf ihrer Seite haben.

Bei der Weiterfahrt kann ich es so einrichten, dass ich alleine bin, und ich lasse mich ins Tal hinuntergleiten. Über mir weitet sich der Abendhimmel und mild streicht der Wind um die Beine, die für kurze Zeit ganz wie meine eigenen anfühlen. Ich atme durch. Dann aber holt mich das PBP-Räderwerk wieder ein, seine Spitze hält den Unterlenker gepackt und im Schlepptau hängen fünfzehn oder zwanzig Fahrer, und allesamt reißen sie mich mit, immer weiter nach Westen. Ganz sicher bin ich mir nicht, ob ich da überhaupt hinwill, aber mein Widerstand bröckelt zunehmend. Ich sehe einige glückliche Gesichter in diesen Prozessionszügen Richtung Atlantik und der Applaus von den Straßenrändern her trägt das Seine dazu bei, dass auch mir ein wenig warm ums Herz wird.

Villaines-la-Juhel, Kilometer 216, Sonntag, 23:10 Uhr: Die Tische in der Halle sind in dieser Anfangsphase kaum besetzt, als ich mein Tablett mit Kaffee und frisch gebackenen Croissants abstelle, nur schräg gegenüber verweilt ein verschwitzter Kollege und wir nicken uns einvernehmlich zu. Schon jetzt habe ich Mühe, das Gebäck hinunterzuwürgen, auch wenn es am Hunger nicht fehlt. Meinem Magen fehlt dieses Mal der Sinn fürs Abenteuer.

Schließlich klemme ich mir die Lenkertasche unter den Arm, suche die Toilette auf und fülle die Wasserflaschen und ich mache mir klar, dass dies für die nächsten zwei Tage die einzigen Beschäftigungen sein werden, sobald ich aus dem Sattel steige: Essen, Pinkeln, Flaschen füllen. Worauf habe ich mich da wieder eingelassen?

Wieder fahre ich alleine aus der Kontrolle und wieder dauert es nicht lange, bis sich zu meinem Lichtkegel ein, zwei Dutzend hinzugesellen und auf dem Asphalt der Landstraße unentwegt Schattenspiele zu beobachten sind wie in einem absurden Theater, wo es keine Rolle spielt, ob es ein Happyend gibt oder nicht.

Fougères, Kilometer 306, Montag, 3:30 Uhr. Das erste Viertel liegt hinter mir. Nach dem Stempeln begebe ich mich in die Kantine, lasse mir einen Teller Suppe mit Brot geben und starre, wie die meisten im Speisesaal, vor mich hin. Der Kopf ist leer, als hätten die Straßen, die nicht nur unter unseren Rädern durchziehen, sondern auch durch die Köpfe, alles mit sich gerissen, was an Vorstellungen möglich ist. Rambouillet hat aufgehört zu existieren und Brest übt keinen Sog auf mich aus. Eigentlich ist mir alles egal.

Um halb fünf Uhr morgens trete ich wieder hinaus in die Nacht und hebe mein bleischweres Bein einmal mehr übers Oberrohr. Man muss die Gruppen gar nicht suchen; selbst wenn man ziellos in die Nacht hinausströmt, finden sie sich ganz von allein. Bald jedoch merke ich in den Abfahrten, wie mir die Sinne schwinden und ich in meiner Schreckhaftigkeit zu ruckartig an den Bremsen reiße, wenn mir der Straßenrand oder andere Räder zu nahe kommen. Mein Heldenmut jedoch ist restlos aufgebraucht und ich räume das Feld und unter dem Portal einer Kirche, in Vieux-Vy-Sur-Couesnon, mache ich es mir in meinem Schlafsack bequem. Die Kirche stammt aus dem Mittelalter, was mich irgendwie beruhigt, und ich schließe die Augen.

Um 6:20 Uhr, eine Stunde später, bin ich wieder unterwegs, zurück im Gegenwind. Ein Engländer fährt an der Spitze der Dreiergruppe, die mich abgefangen hat. Mehr und mehr dümpelt er vor sich hin und sein Rucksack kippt von einer Seite auf die andere. Ich wage mich nach vorn und bedeute ihm und den Folgenden, doch beizeiten zu wechseln und mühe mich an seiner Stelle vorne im Wind ab, doch dann fährt wieder der Engländer im Wind, viel zu lange, und beginnt wieder zu dümpeln und ich merke, ich fahre an der Seite eines Zombies und verlasse die Gruppe beizeiten.

Tinténiac, Kilometer 381, Montag, 7:23 Uhr. Alleine treffe ich in Tinténiac ein und sehe ein paar bekannte, vom nächtlichen Ringen mitgenommene Gesichter. Sie alle sind dem Anschein nach wohlauf und verdauen schweigend die Nacht. Man gönnt sich, auf Bierbänken sitzend, heißen Kaffee und ein Sandwich, und träumt von kommenden Zeiten, wo das Rad einfach nur im Keller steht und der Magen Freude hat am Essen. Nun aber muss ich den Armen wieder dazu zwingen.

Bei den Ankünften in den Kontrollen werden die Fahrzeuge eilends in die vorhandenen Abstellanlagen eingestellt im Vertrauen darauf, dass irgendjemand darauf aufpasst. Als ich zurückkomme, sehe ich, dass neben meinem Rad das Rad der diesjährigen Gewinnerin des Transcontinental Race steht und in diesem Moment komme ich mir irgendwie sehr wichtig vor.

Carhaix, Kilometer 523, Montag, 16:05 Uhr. Vierundzwanzig Stunden bin ich unterwegs als Startnummer A232, als ich in Carhaix einrolle – fast auf die Minute genau. Nach dem Stempeln setze ich mich ins Gras und warte – ich habe eine Verabredung mit einem alten Freund, der in der Gegend wohnt, aber er hat eben erst seinen Mittagschlaf beendet und es dauert, bis er mit seinem Hund unter dem grauen Himmel daherspaziert kommt. Er hat die Ruhe weg. Wir belassen es bei einem schnellen Bier. Wenn noch 700 Kilometer auf einem lasten, sind die Geschichten des Alltags eher zügig abgehandelt.

Brest, Kilometer 612, Montag, 20:55 Uhr. Hunderte von Kilometern an bretonischen Landschaften und pittoresken Dörfern liegen hinter uns, ebenso der Roc‘h Trévézel, diese gefürchtete Erhebung von 350 Metern, über die sich das PBP-Räderwerk schnaubend windet, als die Bucht von Brest schließlich im Abendlicht auftaucht. Ich bin gerührt.

Die Brücke Albert-Louppe spannt sich über den Meeresarm und im Anblick der Stadt geraten plötzlich meine Gefühle außer Kontrolle und dankbar rüttle ich aus purer Freude an meinem Lenker. Die Anfeuerungsrufe der zahllosen Menschen in den Dörfern hallen unter meiner Schädeldecke nach und beflügeln mich auf den letzten Kilometern zur Kontrolle und wie berauscht durchquere ich leichten Schrittes den Platz, der die Kantine von den Radabstellanlagen trennt. Jeder Gedanke, der mir durch den Kopf schwirrt, ist so leicht, dass er wie die Möwen an der Küste in den Lüften zu schweben scheint. Ich weiß nicht, wie mir geschieht und schon gar nicht, ob mir so viel Leichtigkeit überhaupt zusteht, sind doch die Tüchtigen wahrscheinlich schon Hunderte von Kilometern vor mir. Auf jeden Fall ist es besser, keine unnötige Frage zu stellen, sondern sein Süppchen zu löffeln, die Pasta zu schlürfen und Brest umgehend den Rücken zuzukehren, bevor das Kartenhaus des Glücks in sich zusammenstürzt.

So pedaliere ich in die zweite Nacht hinein, zurück nach Osten, und die Beine tun so, als wären sie schwerelos und und kreisten wie ein Perpetuum mobile vor sich hin, und alles zieht durch und fließt vorbei mit einem feinen Rauschen, das wie Musik klingt. In Wahrheit ist wohl alles ganz anders, aber auch hier ist es besser, keine unnötigen Fragen zu stellen.

Le Keff

Ich fahre bis Le Keff. Die Bewohner des Ortes reichen mir an einem beleuchteten Stand mit ausnehmender Herzlichkeit einen Crêpe vom Stapel und einen Becher Kaffee, ich möge noch mehr nehmen, und nein, bitte, auf gar keinen Fall irgendwas bezahlen. Sergej, ein Ukrainer, den ich aus der Provence kenne, kommt wenig später daher, er erkennt mich zuerst und fällt mir um den Hals und mit seinem mageren Englisch fasst er in holprigen Sätzen, die zu bersten scheinen, seine Gefühlswelt in diesen Tagen zusammen, und nach nochmaliger Umarmung nehmen wir auch gleich schon wieder Abschied voneinander – er befindet sich noch auf dem Hinweg nach Brest, aber auch ihm scheint dieses feine Rauschen, das wie Musik klingt, vertraut zu sein.

In Sizun, noch vor dem Roc‘h Trévézel, rolle ich meinen Schlafsack wie schon vergangene Nacht unter einem Kirchenportal aus und lasse mich vom Surren der PBP-Maschine in den Schlaf singen, die die ganze Nacht hindurch wie ein gewaltiger Malstrom die Bretagne in beiden Richtungen überrollt.

Gegen vier Uhr wache ich auf, weil mir kalt wird. Aus einem offenen Hotel fällt Licht auf die Straße, ebenso aus einer Bar gegenüber und der Bäckerei am Ort. Kurz nach mir betreten schweigsame Gestalten das Foyer des Hotels, dick vermummt gegen die Kälte, mit ausdruckslosen Gesichtszügen, und mir kommt der widersinnige Gedanke, dass so Menschen aussehen, die alle Masken abgelegt haben.

Dichter Nebel liegt über dem Roc‘h Trévézel, als ich, noch im Dunkeln, die Kuppe erreiche. Ich treffe auf einen Amerikaner aus Seattle, der ein Rad fährt, wie es sich eigentlich nur CEOs leisten können. Am ersten Abend war ich mit ihm im Pulk und er erzählte mir mit heiserer Stimme, was für Wahnsinnsdinger er schon gefahren ist, ein smarter Typ, dessen Gesellschaft man nicht freiwillig sucht, selbst wenn er nun kein Wort sagt. Die Scheinwerfer der entgegenkommenden Räder sind von geheimnisvollen Lichtringen umgeben. Alles ist magisch und verwirrend und prompt verfahre ich mich für ein paar hundert Meter, dann finde ich zurück auf die Straße und neue Scheinwerferkegel kommen mir entgegen. Der Amerikaner ist verschwunden.

Morgenstimmung in der BretagneCarhaix-Plouger, Kilometer 696, Dienstag, 6:58 Uhr. Ein neuer Stempel in die Kontrollkarte, der achte in Folge. Müde Gesichter, starren mich an, es sind die Gesichter der Freiwilligen, die sich die Nächte um die Ohren schlagen, damit wir Dinge vollbringen, die der menschlichen Natur zutiefst zuwiderlaufen. Wie verrückt ist das doch alles. Ohne mich länger aufzuhalten, verlasse ich Carhaix wieder – die Côtes-d‘Armor, das nördliche Zentrum der Bretagne, liegen im Morgennebel vor mir und alles ist so zauberhaft wie im Märchen. Erst gestern bin ich hier gefahren, aber alles scheint neu und unberührt, während ich mich weiter ostwärts halte, der aufgehenden Sonne entgegen. Auch dort werden Hunderte von Menschen an der Strecke stehen und meinesgleichen mit Applaus begrüßen und mich von Ort zu Ort vorantreiben und nicht merken, dass der Mann, der vor ihren Augen mutterseelenallein in Richtung Paris fährt, wie von Zauberhand auf dem Rad gehalten wird. Man wusste es von Anfang an: es kann nicht mit rechten Dingen zugehen.

Loudéac, Kilometer 786, Dienstag, 11:20 Uhr. Als ich nach den Formalitäten im Kontrollraum mein Tablett vor mich auf den Kantinentisch schiebe, sehe ich viel Elend in diesem Saal. Erledigt sehen die meisten aus, einer nach dem anderen, wie sie wie in Zeitlupe ihre Schüsseln und Teller leerschaufeln, fast zu erschöpft, die Hand zum Mund zu führen. Man sieht Teilnehmer mit Verbänden über ihren aufgeschürften Ellbogen, mit schleppendem Gang, mit eingefallenen Gesichtern, mit Köpfen, die auf die Tischplatte gefallen sind. Wenn sie sich wieder aus ihrer Erstarrung gelöst haben, werden sie sich fragen, wie das weitergehen soll und wo das Glück des ersten Tages hin ist – haben sie diesen drei Tagen zwischen Paris und Brest nicht seit Monaten alles untergeordnet? Es ist nicht gerecht.

Zu Beginn waren fast 6500 Teilnehmer auf der Strecke, erfahrungsgemäß haben sich die ersten Tausend, desillusioniert wie am Ende einer durchzechten Nacht, ihrem Schicksal widerstrebend ergeben und, den Tränen nahe, die Kommissäre von ihrem Scheitern in Kenntnis gesetzt. Ich will gar nicht daran denken: jeder von uns bewegt sich auf des Messers Schneide.

Ich begebe mich zurück auf die Straße, wo mir einer der Ordner zuruft: La première fois – das erste Mal? Ich strecke ihm die gespreizte Hand entgegen und sehe im Vorbeifahren, wie er überrascht den Kopf hebt, fünf?, während er mir voller Respekt den weiteren Weg nach Paris weist, und finde es herrlich, wie kurz darauf mein Trikot im Fahrtwind flattert. Nein, es ist wirklich nicht gerecht.

Fougères, Kilometer 928, Dienstag 18:19 Uhr. Die Fahrerfelder sind zerfleddert, die Radfahrer strömen einzeln oder in kleinen Gruppen in die Kontrolle. Einige suchen ihre Freunde und Angehörigen, die sie im Wohnmobil von Kontrolle zu Kontrolle begleiten, um dort Linderung und Trost zu finden, andere strecken sich hier auf dem Rasen aus oder verharren regungslos auf oder unter den Tischen. An der Kasse zofft sich vor mir ein Fahrer mit den Freiwilligen, weil ihm alles zu langsam geht. Die Dinge können ganz plötzlich aus dem Ruder laufen. Ich bin sehr froh, dass mein Kartenhaus noch steht.

Der Abendhimmel breitet sich in seiner ganzen Schönheit über dem welligen Land aus, Heuballen stehen in den weiten, abgeernteten Feldern und werfen noch zarte, rosafarbene Schatten. Mitten in der Einöde schert weit vor mir eine Gruppe aus, um sich für die Nacht fertig zu machen: warme Klamotten anziehen, Leuchtweste, Lichter anknipsen. Ich lasse sie, ohne anzuhalten, links liegen, um zu vermeiden, dass sie womöglich auf mich warten. Meine Vorbereitungen werde ich später erledigen. Ich bin mit allem bestens versorgt. Das Universum hält seine Hand über mich und steckt mir heimlich Energieriegel zu.

Villaines-la-Juhel, Kilometer 1018, Dienstag, 22:50 Uhr. Noch 200 Kilometer, bis der Vorhang fällt. Die Menschen in Villaines applaudieren ebenso ausgelassen wie vor zwei Tagen – werden sie denn niemals müde? Kinder reißen sich darum, mein beladenes Tablett und meine Lenkertasche vor mir her in den Speisesaal zu tragen. Womöglich hat man ihnen beigebracht, dass sich Leute wie ich in dieser Welt nicht mehr zurechtfinden könnten.

Nachdem ich die Kontrolle hinter mir gelassen habe, steht der runde Mond blutrot am Horizont – ein Spiegelbild der tiefen, wundervollen, unendlichen Einsamkeit des Langstreckenfahrers. Wenn man genau hinhört, vernimmt man im Flüstern des Windes Zaubersprüche zur Ertüchtigung all derer, die noch nicht aufgegeben haben und weiterhin auf ihren Rädern ausharren, apathisch, leidend, euphorisch, verblendet, unzurechnungsfähig, glücklich. Vor allem aber unzurechnungsfähig.

Um 2:30 Uhr treffe ich in einem Ort namens Mamers auf Leben. Freiwillige harren frierend an einem Stand aus und fragen sogleich, ob ich etwas benötige. Eigentlich möchte ich mein Haupt nur auf den nackten, kalten, grob behauenen Natursteinboden der windigen Markthalle betten. Das geht nicht!, sagt einer von ihnen. Er merkt schnell, dass ich nicht ganz bei Trost bin und führt mich schließlich sanft in einen eigens dafür hergerichteten Raum im Rathaus auf der anderen Straßenseite, um mir ein Feldbett zuzuweisen. Eine Handvoll weiterer Feldbetten sind belegt und ich schiebe mir die Ohrstöpsel tief in die Gehörgänge. Mein Begleiter verspricht, mich in eineinhalb Stunden zu wecken. Ich schließe die Augen und unterbreche meine Reise ein letztes Mal und gleite in ein tiefes, schwarzes, lautloses Loch.

Mortagne, Kilometer 1102, Mittwoch 5:43 Uhr. Als ich in Mortagne eintreffe, ist die Stille in der Halle so andächtig wie in einer Kirche, und unwillkürlich bestelle ich meinen Kaffee fast flüsternd. Mein Hintern hingegen, der mehr und mehr nach Auflösung strebt, formuliert unüberhörbar Fürbitte um Fürbitte.

Auf halbem Wege nach Dreux überhole ich bergauf einen Franzosen, der sich kaum auf dem Rad halten kann, bei meiner Passage jedoch aus seinem Schlaf erwacht und sich an mein Hinterrad heftet. Sein Lebenswille überrascht mich und zum ersten Mal seit Brest heiße ich die Gesellschaft eines anderen willkommen. Wir teilen uns die Strecke und wechseln uns ab im Wind, der schon seit dem Morgen wieder von vorn bläst, und teilen uns die Erleichterung, in Dreux, der letzten Kontrolle vor Rambouillet, Seite an Seite einzurollen, und auf dem Gesicht meines Begleiter zeigt sich ein befreites Lächeln. Wir leben in wunderbaren Zeiten.

Dreux, letzte KontrolleDreux, Kilometer 1180, Mittwoch, 9:23 Uhr. Ich halte mich keine halbe Stunde in der Kontrolle auf, es drängt mich weiter, um diesen merkwürdigen Zustand aufrechtzuerhalten, der, wenn ich erst einmal angekommen sein werde, in sich zusammenfällt und vom Lauf der Dinge sang- und klanglos getilgt werden wird, aber von diesem Moment trennen mich noch über zwei Stunden, und nichts unter dem blauen Morgenhimmel deutet darauf hin, dass es so kommen wird, und so sind diese zwei Stunden ganz dem Wenigen gewidmet, das sie auszeichnet: Einatmen, Ausatmen. Das Surren der Kette. Ein Kroate gesellt sich zu mir und zusammen treiben wir den Gegenwind vor uns her, dann schließen sich uns noch drei Finnen an, die mit glückverzerrten Gesichtern dem Ziel zustreben. Sie sind, wenn ich ihr Kauderwelsch recht verstanden habe, zum ersten Mal dabei und und auch am dritten Tag noch voller Ehrgeiz. Ihr Leben wird sich in einer Stunde für immer verändert haben, während für mich der Schwebezustand der vergangenen Tage zu Staub zerfallen wird und die Startnummer A232 entkräftet abdanken wird. Ein geschundener Mensch wird übrigbleiben, der erst jetzt, ernüchtert, spüren wird, wie sehr er sich in den vergangenen drei Tagen zuschanden geritten hat.

Rambouillet, Kilometer 1225, Mittwoch, 11:42 Uhr. Die Finnen fahren vor dem Kroaten und mir zu dritt nebeneinander durch den Zielbogen. Sie werden sich ein Leben lang an diesen Augenblick erinnern. Sie sind allesamt so verwirrt, dass sie sich nicht einmal um den Hals fallen. Der Kroate verharrt kurz, als er den letzten Eintrag in sein Stempelheft erhalten hat, und wirkt verstört, als wolle er nicht wahrhaben, dass es vorbei ist. Dann klopfen wir uns auf die Schultern und reichen uns die Hand und der Druck beider Hände fühlt sich überraschend kräftig an, aber die Augenlider hängen tief. So verabschieden wir uns von der 19. Ausgabe von Paris-Brest-Paris.

Daraufhin gehe ich ins Festzelt im Schlosspark, unweit der Bergerie, um ein Bier zu trinken und währenddessen meinem schleichenden Verfall zuzusehen. Er ist, wie alles, was sich hier in diesen Tagen abspielt, erstaunlich und in der sommerlichen Wärme im Zelt packt mich ein leichter Schwindel und die vergangenen Tage versinken wie im Nebel und ich frage mich, wie das alles gutgehen konnte. Es ist mir ein Rätsel. Vielleicht werde ich das Geheimnis in vier Jahren lüften – vielleicht aber auch nie.

Strecke:

1225 km

Höhendifferenz:

 ca. 11 000 m

Schnitt:

24,8 km/h

Schnitt (brutto):

17,96 km/h

Gesamtzeit

67:39 h